Aktuelles
... aus der Arbeit der AG und ihrer Mitgliedswettbewerbe
Fachtagung "Lernzeit - ein knappes Gut?"
Datum: 04.03.2010Autoren: Stefan Engels (Körber-Stiftung)
Die Körber-Stiftung richtete am 11. und 12. Februar 2010 gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft bundesweiter Schülerwettbewerbe und Vertretern der Landeskultusministerien die Tagung »Lernzeit – ein knappes Gut?« aus. Im Mittelpunkt der Tagung standen die Spielräume von Schülerwettbewerben angesichts veränderter zeitlicher Rahmenbedingungen in der Schule. Ziel war es, im Erfahrungs- und Meinungsaustausch zwischen Wettbewerbsverantwortlichen und Wettbewerbsbeauftragten Ansätze dafür zu diskutieren, wie Wettbewerbe für Schüler, Lehrer und Eltern trotz bildungspolitischer Reformen, die die Zeitstruktur von Schule stark verändern, auch künftig attraktiv bleiben können.
Dr. Fritz Reheis, Zeitforscher und Pädagoge, verwies auf die anthropologischen und lerntheoretischen Grundlagen des Umgangs mit Zeit in der Schule: »Wettbewerbe sind dann gut und hilfreich für einen förderlichen Umgang mit Lernzeit, wenn Sie Lernprozesse nicht in ein gewaltsames Zeitkorsett stecken, sondern Individualisierung stützen.«
Vertreter des Carl-Zeiss-Gymnasiums in Jena und des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster bereicherten die Diskussion mit ihrer praxisnahen Sichtweise: Es wurde deutlich, dass die Teilnahme an Wettbewerben nicht nur einzelnen Schülern und Lehrern Chancen bietet, sondern für die qualitative und systematische Schulentwicklung fruchtbar gemacht werden kann. Über die Verankerung im Schulprogramm und in der Verbindung mit Schulprofilen lassen sich Freiräume für Wettbewerbe trotz knapp erscheinender Lernzeit – gerade auch angesichts verkürzter Gymnasialzeit – sichern. Gleichzeitig ermöglichen Wettbewerbe individualpädagogische Schwerpunktsetzungen für die Unterrichtsentwicklung jenseits curricularer Vorgaben. Auch für ihre Öffentlichkeitsarbeit können Schulen Wettbewerbe nutzen, indem sie Wettbewerbserfolge von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften nach außen sichtbar machen und dadurch den positiven pädagogischen und fachlichen Ruf der Schule stärken.
Bei der Tagung wurden verschiedene Wege konkretisiert, um Wettbewerbe im Schullalltag zu verankern: Einerseits können sie stärker als Teil des regulären Unterrichts gefördert werden, z.B. durch die Einbindung in Projekt-, Neigungs- oder Profilkurse sowie die systematische Einbindung außerschulischer Partner oder die Anerkennung von Wettbewerbsleistungen als »komplexe Lernleistungen«. Andererseits können Sie als Ergänzungsangebot außerhalb des regulären Unterrichts gestärkt werden, beispielsweise im Rahmen von nachmittäglichen Arbeitsgemeinschaften. Die Tagungsteilnehmer sehen gute Chancen für eine pädagogische Ganztagsentwicklung, in der forschungsintensive und damit Lernfreiräume fordernde Schülerwettbewerbe eine wichtige Rolle zur pädagogischen und fachlichen Erweiterung des Lernangebotes spielen.
Die Diskussionen haben gezeigt, dass eine engere Einbindung in den Schulalltag – nicht nur in das fachliche Lernen im Unterricht –, verstärkte Bemühungen in der Lehrerbildung notwendig macht. Erst durch eine fachliche und pädagogische Ausbildung und Weiterqualifizierung von Lehrkräften, die auch projekt- und handlungsorientierte Formen im Berufswissen der Lehrerinnen und Lehrer verankert, wird den Wettbewerben langfristig ein breiter Weg in die Schulen geebnet. Hier möchte insbesondere auch die AG bundesweiter Schülerwettbewerbe mehr tun und Angebote für alle Phasen der Lehrerbildung entwickeln.
Dr. Heide Peters unterstützte diese Forderung durch die Ergebnisse der vom IPN 2009 durchgeführten Lehrerbefragung »Schülerwettbewerbe als Förderinstrumente für junge Talente in den Naturwissenschaften«, die sie differenziert präsentiert hat. Wettbewerbe könnten angesichts veränderter Zeitstrukturen nur dann erfolgreich mit anderen Lernangeboten konkurrieren, wenn sie Bestandteil einer Schulkultur würden, der organisatorische Mehraufwand für Lehrkräfte transparent und überschaubar sei und deren Engagement hinreichend anerkannt und gewürdigt werde.
Es ist klar geworden, dass das Thema „Schulzeit“ auch für die Wettbewerbe ein wichtiger Korridor aktueller und künftiger Schulentwicklung ist, den sie in ihrer eigenen Fortführung differenziert berücksichtigen müssen. Um die qualitätsorientierten Schülerwettbewerbe den veränderten schulischen Zeitstrukturen anzupassen, einigte man sich deshalb innerhalb der Arbeitsgemeinschaft und auch im Gespräch mit den Länderreferenten der Ministerien darauf, den intensiven Austausch fortzuführen und fachlich zuzuspitzen. Die geplante Erstellung entsprechender Ansprechpartnerverzeichnisse ist ein erster Schritt in Richtung einer stabilen Kommunikationsstruktur.
Deutlich wurde indes, dass die Vielfalt der Wettbewerbslandschaft und der Bildungssysteme auch in Problemfeld »Lernzeit« einzelfallabhängige Lösungen erforderlich macht. Forschungsintensive Wettbewerbe benötigen andere Rahmenbedingungen als solche, deren methodische Ausrichtung eine Unterrichtsanbindung problemlos ermöglichen. Überdies differieren die Ausgangssituationen in den Bundesländern erheblich. Angesichts vergleichbarer Herausforderungen ist eine Fortsetzung der gemeinsamen Lösungssuche mit wissenschaftlicher Begleitung indes notwendig und auf dem Wege weiterer Tagungen und Publikationen geplant.